Am liebsten hätte ich den Vater "stramm stehen lassen."
- 14. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Zu früh, zu viel Verantwortung. Eine Beobachtung in einer Hotellobby.
Neulich saß ich in der Lobby eines Hotels. Ich war dort mit einer Freundin verabredet und wir unterhielten uns.
Plötzlich hörte ich ein lautes Weinen.
Ich schaute zum Fahrstuhl und sah einen kleinen Jungen, vlt. drei Jahre alt. Er stand dort mit nackten Beinchen vor der geschlossenen Fahrstuhltür und war völlig außer sich.
Er weinte nicht einfach nur. Er war in Panik.
Mein erster Gedanke war: Wo sind seine Eltern?
Wahrscheinlich war beim Einsteigen in den Fahrstuhl etwas durcheinander geraten. Die Tür hatte sich geschlossen und der kleine Junge hatte es nicht mehr geschafft mitzukommen. – So dachte ich.
Also stand er nun dort, ganz allein und weinte bitterlich. So sehr, das mein Herz mitweinte. "Wo sind die Eltern!", dachte ich ständig.
Ein paar Menschen gingen zu ihm, versuchten ihn zu beruhigen und herauszufinden,
wer er war. Ich beobachtete die Situation und wartete darauf, dass gleich ein völlig aufgelöster Vater oder eine verzweifelte Mutter um die Ecke kommen würde.
Aber nichts passierte und Minuten vergingen, bestimmt fünf Minuten. Und dann tauchte plötzlich der Vater auf.
Allerdings nicht aus dem Fahrstuhl, wie ich erwartet hätte. Er war die ganze Zeit in der Lobby gewesen!
Keine Ahnung, was er dort gemacht hatte. Er unterhielt sich mit anderen Menschen oder war anderweitig beschäftigt. Jedenfalls war er nicht bei seinem Sohn.
Von der Mutter war weit und breit nichts zu sehen.
Kurz darauf kamen noch zwei weitere Jungen dazu. Die älteren Brüder des Kleinen aber auch erst so fünf und sechs Jahre alt.
Und dann passierte etwas, das mich so wütend machte, dass ich am liebsten aufgesprungen wäre.
Der Vater stellte die beiden anderen Jungs zur Rede. Aber nicht ruhig und verständnisvoll.
Nee, so richtig laut und anklagend.
Die Jungs bekamen eine Standpauke, die sich gewaschen hatte. Richtig schön laut, dass alle es hören konnten.
Er machte ihnen Vorwürfe, weil sie ihren kleinen Bruder nicht richtig beaufsichtigt hätten.
Ich konnte es kaum glauben. Mein Herz blieb stehen.
Die beiden standen da mit gesenktem Kopf. Sie wirkten verängstigt und beschämt.
Sie sagten kaum etwas.
Und ich dachte nur:
Bist du eigentlich noch ganz bei Trost? Du bist der Vater!
Es ist deine Aufgabe auf deine Kinder aufzupassen.
Nicht die deiner Kinder.
Diese beiden Jungs waren selbst noch Kinder.
Sie hatten gerade vermutlich genauso Angst um ihren kleinen Bruder gehabt wie der kleine Junge selbst. Sie waren mit dieser Situation selbst überfordert. Und jetzt wurden sie auch noch dafür verantwortlich gemacht.
Genau das macht mich so wütend.
Weil ich solche Situationen immer wieder sehe.
Im Zoo. In der Fußgängerzone. In Gesprächen mit Klientinnen.
Eltern übertragen Verantwortung auf ihre Kinder, die diese gar nicht tragen können.
Und wenn dann etwas schiefgeht, bekommen die Kinder die Schuld.
Dabei können kleine Kinder noch gar nicht so denken wie Erwachsene.
Sie können Risiken nicht voraussehen.
Sie können Situationen nicht einschätzen wie Erwachsene.
Ihr Gehirn ist dafür noch gar nicht entwickelt.
Was aber passiert, ist etwas anderes.
Sie erleben Angst.
Sie erleben Scham.
Und sie erleben Schuld.
Der kleine Junge lernt vielleicht: Mit mir stimmt etwas nicht.
Die älteren Brüder lernen vielleicht: Ich habe versagt. Ich hätte besser aufpassen müssen.
Und genau solche Momente tragen Menschen oft ihr ganzes Leben mit sich herum.
Später sitzen sie dann in Coachings oder Therapien und fragen sich,
warum sie ständig an sich zweifeln.
Warum sie immer glauben, mehr leisten zu müssen.
Warum sie sich für alles verantwortlich fühlen.
Warum sie nie das Gefühl haben, gut genug zu sein.
Als ich dort saß und das alles mit anhörte, raste mein Herz. Nicht nur wegen des kleinen Jungen. Sondern auch wegen der beiden Brüder.
Und vielleicht auch deshalb, weil ich selbst als Kind Verantwortung getragen habe, die eigentlich Erwachsene hätten tragen müssen. Deshalb tat es mir so weh, das mit anzusehen.
Dabei hätte die Situation so anders ausgehen können. Der Vater hätte seine drei Söhne in den Arm nehmen können. Er hätte sagen können:
"Das war ein Schreck. Ihr hattet bestimmt alle Angst."
"Niemand ist schuld."
"Jetzt sind wir wieder zusammen."
"Alles ist gut."
Stattdessen bekamen die Kinder Vorwürfe.
Und ich saß dort und dachte: Es sind es nicht immer die Ereignisse selbst, die Kinder prägen. Sondern die Reaktion der Erwachsenen darauf.
Eltern – wacht auf!
Ich weiß, dass ihr euer Bestes gebt.
Ich weiß, dass ihr eure Kinder liebt.
Und ich weiß, dass ihr euch nichts sehnlicher wünscht, als dass aus ihnen starke, selbstbewusste und lebensfähige Erwachsene werden.
Aber Stärke entsteht nicht dadurch,
dass man Kindern Verantwortung auflädt, die eigentlich Erwachsene tragen müssen.
Selbstbewusstsein entsteht nicht dadurch,
dass Kinder für Fehler verantwortlich gemacht werden, die sie weder vorhersehen noch verhindern konnten.
Und Reife entsteht nicht durch Beschämung.
Kinder brauchen Herausforderungen, ja. Aber sie brauchen vor allem Erwachsene,
die Verantwortung übernehmen, Sicherheit geben und Orientierung schenken.
Ich weiß, wovon ich spreche. Aus meinem eigenen Gewordensein.
Aus den Geschichten meiner Klientinnen und Klienten.
Und aus den Spuren, die solche Erlebnisse oft noch Jahrzehnte später hinterlassen.
Kinder machen Fehler.
Kinder geraten in Überforderung.
Kinder brauchen Trost.
Das ist kein Versagen.
Das ist Kindheit.
Wenn etwas schief läuft, fragt euch nicht zuerst: „Wer ist schuld?“
Fragt euch lieber:
„Was braucht mein Kind jetzt, um sich wieder sicher zu fühlen?“
Denn aus Sicherheit wächst Vertrauen.
Aus Vertrauen wächst Mut.
Und aus Mut wachsen die starken Persönlichkeiten, die ihr euch für eure Kinder wünscht.
Wenn du dich hier wiedererkennst – als Elternteil oder als erwachsenes Kind – und spürst: „So möchte ich nicht weiterleben. So möchte ich nicht weitergeben, was ich selbst erlebt habe.“ Dann lass uns miteinander sprechen. Veränderung beginnt oft mit einem ehrlichen Blick auf das, was war.
feel. face. free.
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