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Die Angst meines Vaters und meine verlorene Neugier

  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Es gibt Momente in der Kindheit, die sich so tief in unser Nervensystem einschreiben, dass sie unser Verhalten über viele Jahre prägen – oft ohne dass wir es merken.


Sokrates soll einmal gefragt haben: "Wie viel verständnisvoller würden wir durch diesen Tag gehen, wenn wir die Handlungen anderer Menschen als Versuche betrachten würden, das Richtige zu tun?"


Als ich diesen Gedanken las, stellte ich mir eine andere Frage:

Wer wäre ich geworden, wenn ich diese Sichtweise schon als Kind gehabt hätte?


Vielleicht eine kleine Ines-Sokrates.

Ein Kind, das hinter der Wut eines Erwachsenen auch dessen Angst hätte erkennen können.

Während ich darüber nachdachte, erinnerte ich mich an einen Moment aus meiner Kindheit.


Und damit begann eine interessante Reise der Reflexion.


Ein kleines Abenteuer


Zwei Mädchen haben Lust auf ein Abenteuer.

Paternoster fahren. Bis ganz nach oben. Und dann nicht aussteigen. Eine echte Mutprobe.

 

Wir gehen los, kichern, sind aufgeregt. Was wird wohl ganz oben passieren?

Der Weg in die Innenstadt ist nicht weit. Die Straße dorthin ist eine ländliche Hauptstraße.

Für uns Mädchen kein Problem. Wir kennen den Weg und sind vorsichtig und klug.

 

Dann passiert es.

Neben uns hält ein Auto.

Angst rast durch meinen Körper.

Im Bauch spüre ich sie am stärksten – ein heißes, brennendes Pulsieren.

Meine Beine werden weich. Die Ohnmacht ist nah.

 

Gleich passiert es. Und es passiert.

Mein Vater springt aus dem Auto. Sein Blick – oh nein, bitte nicht.

Er schreit mich an, wie bekloppt ich doch sei, packt mich am Nacken und

stößt mich vor sich her, schubst mich in das Auto.

Meine Freundin bleibt allein zurück.

 

Da sitze ich nun auf dem Rücksitz. Ertappt. Erwischt.

Ich habe mal wieder etwas falsch gemacht.

 

Abenteuer. Mutproben. Neues mit Neugier und Freude entdecken.

Nein – ein kleines Mädchen darf das nicht.

Meine Strafe tut weh. Richtig weh.

So weh, dass ich mein Pipi nicht mehr halten kann.

 

Ich darf das nicht.

Ich bin ein dummes, schlechtes Kind.

Nie wieder werde ich so etwas Dummes tun.


Wenn Kinder die Welt sehen könnten wie Sokrates


Als Kind konnte ich diesen Perspektivwechsel natürlich nicht vollziehen.

Kinder spüren nur die Wucht eines Moments.

Heute jedoch, als erwachsene Person, kann ich diese Szene

noch einmal betrachten – ganz im Sinne von Sokrates.


Dann sitze ich in meiner Vorstellung wieder im Auto und sage:

„Du bist richtig wütend auf mich, weil du Angst um mich hattest.

Ich bin dir nicht gleichgültig. Du sorgst dich um mich. Ich verstehe dich.“

 

Ich beuge mich nach vorne, lege meine Hand auf seine Schulter.

 „Papa, bitte entschuldige, dass ich dir nicht Bescheid gesagt habe.

Bitte entschuldige, dass ich dich in Sorge gebracht habe.

Das war nicht meine Absicht.

Ich wollte heute mutig sein. Ich wollte Paternoster fahren.“

 

Die verlorene Neugier


Lange Zeit wusste ich nicht, wie sehr mich dieses abrupte Ende meines

Paternoster-Abenteuers geprägt hat.

 

Das Gefühl von Neugier – einfach etwas Neues ausprobieren,

etwas wagen – existierte in mir gar nicht.

Wie kann man etwas vermissen, das man nie wirklich kannte?

 

Mein Nervensystem hat mich viele Jahre lang sehr gut beschützt.

Es sorgte dafür, dass ich dieses Gefühl nicht noch einmal erleben musste:


Vorsicht. Gleich hält ein Auto neben dir. Gleich wirst du gepackt.

Das Auto wurde zu einer inneren Metapher.

Für Gefahr. Für den Abgrund. Für das Gefühl: Mach das bloß nicht.


Ein neuer Blick


Doch nach vielen Jahren der inneren Arbeit und der transgenerationalen Persönlichkeitsentwicklung kann ich heute noch etwas anderes sehen.


Mein Vater musste stark sein. Zumindest glaubte er das.

Sanft zu reagieren war für ihn keine Option.

Sonst hätte seine eigene Mutter vielleicht Recht behalten – mit ihrer Kritik,

dass er ein Weichei sei und seine Kinder nicht richtig erziehen könne.

Und das konnte er auf keinen Fall zulassen.  

Heute, mit dem Abstand vieler Jahre, sehe ich noch etwas anderes.

Ich sehe ihn so, wie er im tiefsten Innern vielleicht gewesen ist.

Einen liebevollen Vater, der sich sorgte, der nicht aus seiner Haut konnte.

Einen Vater, dessen eigenes ängstliches inneres Kind sein Handeln führte.


Heilung bedeutet nicht, plötzlich anders zu sein


Diese Erkenntnis allein hat mein Leben nicht sofort verändert.

Nur weil ich heute verstehe, warum mein Nervensystem Abenteuer meidet,

bedeutet das noch lange nicht, dass die Angst einfach verschwindet.  

Heilung geschieht nicht durch Verstehen allein.

Sie geschieht durch Integration.

Durch das langsame Annehmen dessen, was war.

Durch Mitgefühl für das Kind, das ich einmal war.

Und auch für den Vater, der damals nicht anders handeln konnte.

 

Und auch Neugier kehrt nicht plötzlich zurück.

Sie muss erforscht, erlernt und geübt werden.

Manchmal fühlt sich das sogar ein bisschen seltsam an.

So, als würde ich etwas tun, das eigentlich nicht OK ist.

 

Ein kleines Abenteuer wagen. Etwas ausprobieren. Eine Entscheidung treffen,

ohne vorher zu wissen, ob sie richtig ist. Spielen, einfach nur aus Spaß. Ganz frei.

 

Und manchmal spüre ich ihn noch immer. Den inneren Moment.

Vorsicht. Gleich hält ein Auto neben dir.


Und da fällt mir ein Gedanke von Viktor E. Frankl ein.

Er beschreibt wahre Freiheit als die letzte innere Freiheit des Menschen:

selbst unter den schwierigsten Umständen seine eigene Haltung zu wählen. "Man kann dem Menschen alles nehmen, außer einem: die letzte der menschlichen Freiheiten – die Freiheit, in jeder Situation seine Haltung zu wählen“.

Viktor E. Frankl, Neurologe und Psychiater | "... trotzdem Ja zum Leben sagen"


Und vielleicht fahre ich irgendwann wieder Paternoster, bis ganz nach oben und ich steige nicht aus.


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