Unbewusste Loyalität zu den Eltern: Treu bis in die Leere
Wie wir unseren Eltern loyal bleiben, ohne es zu merken
Mit drei Jahren lief ich allein zum Kiosk und kaufte meiner Mutter eine Flasche Cola.
Aus schwerem Glas, fast so groß wie ich.
Meine Mutter saß weinend in der Küche, und ich hatte einen Plan:
Wenn ich ihr diese Cola bringe, geht es ihr besser.
Es ging ihr nicht besser. Ich hatte aber einen Job gefunden. Ich war ihre Retterin, mit drei Jahren. Gekündigt habe ich diesen Job erst sehr viel später und das auch eher unfreiwillig.
Bindung fragt nicht: Warum Kinder ihren Eltern treu bleiben
Ein Kind braucht den Menschen, der für es sorgt, zum Überleben. Es bindet sich an ihn, auch wenn dieser Mensch ihm nicht guttut.
Es spürt, wie es der Person geht, von der es abhängig ist. Ist die Mutter traurig, still oder innerlich abwesend, kann das Kind wahrnehmen:
Hier stimmt etwas nicht. Hier fehlt etwas, das ich brauche.
Für ein kleines Kind ist das eine verunsichernde Erfahrung. Es kann die Situation nicht überblicken und schon gar nicht verändern. Aber es kann versuchen, etwas zu tun.
Es will die Mutter beleben, trösten, entlasten.
Manche Kinder werden besonders brav. Andere kümmern sich um die Geschwister. Wieder andere lernen, möglichst wenig zu brauchen. Und manchmal beginnt ein Kind dabei, eine Aufgabe zu übernehmen, die viel zu groß für seine kleinen Schultern ist.
Wenn die Mutter leer ist: Wie ich ihre Leere übernommen habe
Meine Mutter war leer. Sie war da, aber nur als Hülle.
Um ihr nah zu sein, habe ich ihre Leere angenommen.
Ich wurde zur Überlebenden und habe auf meine Lebendigkeit verzichtet.
So verstehe ich es heute.
In meiner kindlichen Logik hätte mein Strahlen etwas sichtbar gemacht, das meiner Mutter fehlte. Vielleicht hätte ich sie damit allein gelassen, vielleicht hätte ich mich von ihr entfernt. Ich weiß nur, dass ich irgendwann gelernt hatte, mich zurückzunehmen.
Das ist Kinderlogik. Sie muss für Erwachsene nicht nachvollziehbar sein, um das Leben eines Kindes zu prägen. Es ist, als würde man mit drei Jahren einen Vertrag unterschreiben, ohne zu wissen, was darin steht. Man erinnert sich später nicht mehr an die Unterschrift. Man lebt einfach danach.
Vielleicht kennst du das auch. Du hast früh gelernt, dich um andere zu kümmern.
Du merkst sofort, wenn jemand traurig ist, und fühlst dich verantwortlich, etwas daran zu ändern. Du überlegst zweimal, ob du etwas für dich selbst tun darfst. Oder du hast ein schlechtes Gewissen, wenn es dir gut geht, während ein anderer Mensch leidet.
Vielleicht hältst du das für deinen Charakter. Für deine Art, zu lieben.
Wann hast du gelernt, so zu sein? Und wem bist du damit bis heute treu?
Frühe Prägung: Warum wir uns nicht erinnern
Ich erinnere mich an die Cola-Flasche. An andere Dinge aus meiner Kindheit erinnere
ich mich kaum oder nur bruchstückhaft.
Dazu fällt mir ein Vortrag von Bruce Lipton ein, den ich einmal gehört habe. So ist er mir in Erinnerung geblieben: Kleine Kinder erleben die Welt wie hinter einer Glaswand. Alle Informationen dringen ungefiltert in sie ein, ohne dass sie diese einordnen können.
Sie spüren, reagieren und passen sich an.
Was wir als Kinder erlebt haben, muss uns als Erwachsene deshalb nicht bewusst sein.
Das macht es so schwer, das eigene Verhalten mit der Herkunftsfamilie in Verbindung zu bringen. Wir halten es für selbstverständlich. Wir kennen uns schließlich unser ganzes Leben lang. Dabei haben wir manches so früh gelernt, dass wir uns kaum vorstellen können, jemals anders gewesen zu sein.
Anpassung als Kind: Was aus dem Treuevertrag wächst
Auf diesem Treuevertrag wächst eine Identität, die nicht zu meinem ursprünglichen Potenzial passte. Ich habe gelernt, mich klein zu halten. Ich habe Eigenschaften entwickelt, mit denen ich zurechtkam und die mich gleichzeitig von einem Teil meiner selbst entfernten.
Ich lernte, nichts zu wollen.
Wenn ich nichts wollte, war ich sicher. Wollte ich etwas, und sei es nur eine Patrone für meinen Füller, gab es Beschimpfungen und Demütigungen. Also wurde ich so, wie sie mich wollten: genügsam, mittelmäßig, unauffällig.
Ich bekam eine große Angst vor Ablehnung und baute mir dafür die Party-Maske. Mit Fremden, die mir nicht wichtig waren, kam ich in Sekunden ins Gespräch. Wurde mir jemand wichtig, schoss ich zuerst, bevor er mir wehtun konnte. Und ich perfektionierte das Unsichtbarsein. Hätte es dafür Pokale gegeben, ich hätte ein Regal gebraucht. In der Schule entkam ich der Bestrafung, im Job bekam ich keine Sonderaufgaben, weil mich keiner auf dem Schirm hatte.
Das alles hat funktioniert. Es hat mich auch klein gehalten.
Wie viel von dem, was du heute für deine Persönlichkeit hältst, hast du irgendwann gelernt, um mit deiner Familie zurechtzukommen? Und was davon möchtest du heute noch behalten?
Loyalität gibt es auch in liebevollen Familien
Loyalität gibt es in Familien, in denen Kinder beschimpft, vernachlässigt oder geschlagen werden. Und sie gibt es in liebevollen Familien. Auch dort übernehmen Kinder manchmal Verantwortung, die eigentlich den Erwachsenen gehört.
Eine Mutter kann liebevoll sein und gleichzeitig so erschöpft, traurig oder hilfsbedürftig wirken, dass ihr Kind sich zurücknimmt. Es möchte sie nicht zusätzlich belasten.
Es übernimmt Aufgaben, tröstet sie oder stellt eigene Wünsche zurück. Die Mutter freut sich über die Rücksichtnahme. Sie zeigt ihre Liebe noch deutlicher, aus Dankbarkeit oder weil sie spürt, wie viel das Kind für sie tut.
Das Kind wächst auf und hat eine liebevolle Mutter vor Augen. Es erinnert sich an gemeinsame Erlebnisse, an Fürsorge und Zuneigung. Es gibt keinen offensichtlichen Grund, sich zu beklagen. Und trotzdem könnte etwas gefehlt haben.
Ein Kind braucht unter anderem das Gefühl, da sein zu dürfen. Mit seinen Wünschen, seiner Lebendigkeit, seinem Ärger und seinen Bedürfnissen. Es braucht Raum, Kind zu sein, ohne sich für das Wohlergehen der Erwachsenen verantwortlich zu fühlen.
Von Albert und Diane Pesso, den Begründern der Pesso-Therapie, kenne ich ein Modell grundlegender Bedürfnisse. Dazu gehört der Platz: das Erleben, willkommen zu sein und seinen eigenen Raum einnehmen zu dürfen.
Wenn ein Kind diesen Raum nicht ausreichend erlebt, entwickelt es Strategien, um mit dem Mangel zurechtzukommen. Es wird besonders angepasst, stellt sich selbst zurück und fühlt sich für andere verantwortlich. Solche Strategien wirken lange nach.
Vielleicht liebst du deine Mutter. Vielleicht hat sie ihr Bestes gegeben. Und vielleicht gibt es trotzdem etwas, das du als Kind gebraucht und nicht bekommen hast. Diese Gedanken schließen einander nicht aus.
Ich schaue mit dir auf die ganze Geschichte. Auch dort, wo Liebe war. Auch dort,
wo niemand absichtlich etwas falsch gemacht hat.
Schuld übernehmen als Kind: „Ich hatte das ja auch verdient“
Neulich erzählte mir eine junge Frau, ihre Mutter habe sie früher geschlagen. Hier und da eine Ohrfeige. Dann kam der Satz:
Ich hatte das ja auch verdient, so wie ich drauf war.
Ich war fassungslos. Kein Kind und kein Mensch hat Gewalt verdient. In keiner Form.
Und trotzdem sagte diese junge Frau diesen Satz. Sie erklärte das Verhalten ihrer Mutter und nahm die Schuld auf sich. Solche Schuldübernahmen können eine Möglichkeit sein, mit einer verletzenden Situation umzugehen. Wenn das Kind glaubt, selbst schuld zu sein, bleibt zumindest die Vorstellung, etwas beeinflussen zu können:
Wenn ich mich anders verhalte, passiert es vielleicht nicht wieder.
Die andere Möglichkeit wäre, anzuerkennen, dass ein Mensch, von dem ich abhängig bin, mir wehtut und mich nicht ausreichend schützt.
Für ein Kind kann das eine kaum auszuhaltende Erkenntnis sein.
Also wird die Schuld bei sich selbst gesucht.
Vielleicht kennst du Sätze wie diese aus deiner eigenen Geschichte:
Sie hatte es ja auch schwer. Ich war als Kind wirklich anstrengend. So schlimm war es doch gar nicht. Andere haben viel Schlimmeres erlebt.
Du kannst erklären, warum deine Mutter so war, wie sie war. Du kennst ihre Geschichte. Aber weißt du auch noch, was du damals gebraucht hättest?
Du darfst Verständnis für deine Mutter haben und gleichzeitig anerkennen, was dir gefehlt hat. Du darfst ihre Lebensgeschichte kennen und deine eigene ernst nehmen.
Manchmal beginnt die Veränderung genau dort: wenn wir aufhören, uns selbst die Schuld für alles zu geben, was wir als Kinder nicht ändern konnten.
Kontaktabbruch zu den Eltern: Auch wer geht, bleibt gebunden
Erklär das mal einem Menschen, der den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen hat. Er hat es doch hinter sich gelassen. Ich auch, dachte ich. Ich war jahrelang weg und saß innerlich noch in dieser Küche.
Ich habe meine Eltern jahrelang gehasst. Dafür, dass sie mich zu dieser "beschissenen" Mittelmäßigkeit erzogen haben. Heute sehe ich, dass sie aus ihren eigenen Wunden gehandelt haben. Und ich weiß, dass hinter meinem Hass auch eine große Sehnsucht lag.
Ich wollte etwas von ihnen, das ich dort nicht bekommen konnte. Ich brauchte lange, um zu verstehen, wie sehr mich diese Verbindung noch beschäftigte.
Das ist meine Geschichte. Andere Menschen erleben ihre Ablösung anders.
Wer den Kontakt abbricht, kann sehr unterschiedliche Gründe dafür haben. Manchmal bleibt Sehnsucht. Manchmal steht der Wunsch nach Abstand im Vordergrund. Manchmal ist beides da. Ein Kontaktabbruch sagt uns nicht, was ein Mensch innerlich empfindet.
Was ich aus meinem eigenen Leben kenne: Ich kann räumlich weit weg sein und mich innerlich trotzdem noch nach den alten Regeln richten. Ich kann längst erwachsen sein und noch immer versuchen, etwas zu beweisen. Ich kann wütend auf meine Eltern sein und gleichzeitig unter ihren Maßstäben leiden.
Vielleicht hast du dich längst von deiner Mutter gelöst und hörst trotzdem, was sie zu deiner Entscheidung sagen würde. Dann lohnt sich die Frage:
Entscheidest du frei, oder versuchst du noch immer, einer alten Aufgabe gerecht zu werden?
Ich glaube, dass wir manchmal unter unseren Möglichkeiten leben, weil wir uns so sehr an das gewöhnt haben, was wir einmal sein mussten. Das eigene Potenzial bleibt dann schwer zugänglich. Wir kennen die Grenzen, die wir uns gesetzt haben, viel besser als die Möglichkeiten, die dahinter liegen. Das zu erkennen, war für mich ein langer Weg.
Verdrängte Gefühle: Das Bild von den Wasserbällen
Stell dir ein Schwimmbecken vor. Jede Erfahrung, jedes Gefühl und jedes Bedürfnis, das wir nicht zulassen können oder wollen, ist ein Wasserball, den wir unter Wasser halten. Es gibt kleine, größere und riesengroße.
Einen Ball unter Wasser zu halten, geht noch. Bei zweien wird es schwer. Im Lauf eines Lebens kommen immer mehr dazu. Wir halten fest, kontrollieren, funktionieren. Das ist anstrengend. Irgendwann reicht die Kraft nicht mehr, und die Bälle schießen nach oben. Bei mir waren viele riesengroß.
Meine Vermutung ist, dass wir irgendwann an einen Punkt kommen, an dem wir nicht mehr so weitermachen wollen wie bisher. Wir merken, dass die alten Lösungen ihren Preis haben. Wir sind müde. Wir spüren uns kaum noch.
Wenn das bei dir gerade passiert:
Du hast lange etwas gehalten. Das hat Kraft gekostet.
Was hast du all die Jahre unter Wasser gehalten?
Welche Wünsche hatten keinen Platz?
Welche Verantwortung hast du übernommen, obwohl sie gar nicht deine war?
Das alte Ich loslassen: Mein Weg durch den Nebel
Das alte Ich loszulassen war das Schwerste. Es hatte mir über Jahre das Überleben gesichert. Es hatte mich geschützt, mir Orientierung gegeben und mich durch Situationen gebracht, die ich als Kind nicht verändern konnte. Irgendwann erkannte ich, dass diese Identität nicht alles war, was ich sein konnte.
Ein neues Ich gab es noch nicht. Ich ging durch Nebel und musste darauf vertrauen,
dass es einen Boden gibt.
Aus der integralen Sicht nach Ken Wilber habe ich einen Gedanken mitgenommen:
Das Alte darf bleiben, wo es nützlich war, und etwas Größeres wächst darüber hinaus.
So habe ich es verstanden, und so erlebe ich es.
Und von Viktor Frankl bleibt bei mir hängen,
dass einem Menschen vieles genommen werden kann,
nur nicht die Freiheit, seine Haltung zu wählen.
Dann klopfte mir eine Freundin auf den Oberschenkel und fragte, wie ich mich hier gerade benehme. Das war der Startpunkt, auch wenn ich es damals nicht wusste.
Danach begegneten mir die "richtigen" Menschen. Sie lebten mir etwas vor, das ich bis dahin kaum kannte. Sie zeigten mir andere Möglichkeiten, Beziehungen zu gestalten, mit mir selbst umzugehen und mein Leben zu führen. Ich sah etwas, dem ich nacheifern wollte.
Eine Identität, die über Jahre gewachsen ist, lässt sich nicht mit einem Fingerschnippen austauschen. Es braucht Zeit. Neue Wege, neues Denken und neue Menschen um dich herum. Es braucht die Bereitschaft, Dinge auszuprobieren, die sich anfangs ungewohnt anfühlen. Und manchmal braucht es jemanden, der dir zeigt, dass du dich anders verhalten darfst, als du es bisher getan hast.
Es war das Beste, was ich je getan habe. Und ich bin noch unterwegs.
Für Mütter erwachsener Töchter: Eine Frage zum Mitnehmen
Ich begleite heute Mütter, deren erwachsene Töchter sich zurückgezogen haben oder den Kontakt abgebrochen haben. Ich kenne die Seite der Tochter, die schweigt und irgendwann geht. Ich weiß, wie lange man innerlich an einer Geschichte festhalten kann, von der man glaubt, sie längst hinter sich gelassen zu haben. Und ich weiß, dass es sich lohnt, die eigene Geschichte anzuschauen.
Vielleicht hast du als Kind versucht, deine Mutter glücklich zu machen. Vielleicht hast du ihre Sorgen getragen, ihre Erwartungen erfüllt oder deine eigenen Wünsche zurückgestellt.
Und vielleicht lebst du heute noch nach Regeln, die damals entstanden sind.
Du kannst deine Tochter lieben und dich gleichzeitig fragen, was du selbst in deinem Leben brauchst. Du kannst ihre Perspektive verstehen und deine eigene im Blick behalten.
Ich möchte Mütter dabei begleiten, sich selbst neu zu begegnen. Ihre eigene Geschichte besser zu verstehen und wieder mehr Raum für sich selbst zu gewinnen.
Was hast du als Kind getan,
damit es deiner Mutter besser geht?
Du musst diese Frage niemandem beantworten.
Ich habe dir einen Brief geschrieben. Er ist von einer Tochter für eine Mutter und lädt dich ein, auf das zu schauen, was dich geprägt hat. Ich schicke ihn dir per E-Mail.
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